Stressbewältigung

Stressbewältigung

Ich möchte Ihnen hier keine Tips zur  Stressbewältigung geben, dazu gibt es zahlreiche Ratgeber und eben so viele mehr oder weniger erfolgsversprechende Stressbewältigungsprogramme. Statt dessen möchte ich mit Ihnen einige grundlegende Überlegungen zum Thema Stress anstellen.

Wahrscheinlich kennen Sie niemanden, der nicht zeitweilig unter Stress steht. „Ich bin so im Stress“, gehört heute fast schon zum guten Ton. Spätestes in der Schule geht der Prüfungsstress los, dann der Freizeitstress, der Beziehungsstress, der Stress mit der Figur, der Fitness, dem Alter, der Stress im Job und so weiter und so fort. Ohne Terminplaner geht überhaupt nichts mehr. Für spontane Treffen mit Freunden, unverplante Wochenenden oder den Müßiggang hat der moderne Mensch keine Zeit mehr. Vielmehr erscheint jeder, der nicht unter Stress leidet schon fast ein wenig verdächtig, wenig engagiert und arbeitsscheu.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Nur wer seine Grenzen kennt, sich erholen und regenerieren kann, wird seine beruflichen und privaten Ziele langfristig und gesund verfolgen können.

Was ist Stress und was passiert dabei im Organismus?

Laut Selye (1976) ist Stress die unspezifische Reaktion des Organismus auf eine außergewöhnliche Anforderung. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet geht es hier darum, einen potentiellen Feind zu besiegen oder vor diesem zu flüchten, falls ersteres nicht möglich ist. Die Nebennieren schütten Kortisol aus, die Gefäße verengen sich, der Blutdruck steigt und die Pupillen weiten sich, es wird vermehr Zucker in die Blutbahn ausgeschüttet. Gleichzeitig werden die Immunabwehr, die Sexualfunktion und die Verdauung gedrosselt. Wir befinden uns in Alarmbereitschaft. Ist der „ Feind“ besiegt oder war die „Flucht“ erfolgreich kommt es zur Ruhephase, der Organismus reguliert sich, die Immunabwehr steigt wieder.

Das heißt, die Natur hat es so vorgesehen, dass wir auf Stress körperlich reagieren – Kampf oder Flucht. Und unser Körper, der ja immer noch derselbe ist, wie in der Steinzeit, stellt alles bereit, damit wir, plakativ gesprochen, vor dem Säbelzahntiger flüchten können. Nun gibt es aber diese Situationen nicht mehr. Wir sind durch die (Über-) forderungen im Job, in der Freizeit, in der Beziehung gestresst, aber wir setzen keine körperliche Aktion. Zumeist bleiben wir sitzen – vor dem Bildschirm, beim Esstisch oder auf dem Sofa. Wird das Kortisol jedoch nicht durch Bewegung abgebaut bleibt es im Körper und führt zu zahlreichen negativen Folgen wie Bluthochdruck, Infarkt- und Thromboserisiko steigen, die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab.

Jede Stressreaktion verlangt dem Organismus einiges ab. Erfolgt nach dem Stress keine Ruhephase kommt es im Laufe der Zeit zu einem immer größeren Defizit.

Dazu kommt, dass die Stressreaktionen oft sehr lange andauern. Der Stress im Job ist zumeist nicht nur kurzfristig, sondern zieht sich über Tage, Wochen, Monate. Nachdienste enden nicht nach zwei Stunden und Beziehungsstress kann jahrelang anhalten. Das bedeutet aber, dass auch die Erholungsphasen fehlen, der Organismus kann sich nicht mehr regulieren, körperliche Beschwerden treten auf und die Erschöpfung nimmt immer zu. Dauert der Stress lange genug an, kommt es zu einer irreversiblen Alarmrektion des Körpers, die zum völligen Zusammenbruch und sogar zum Tod führen kann.

 

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Was macht eine Situation zur Stresssituation?

Jede Situation in der wir Schaden, Verlust oder Bedrohung erleben ist eine potentielle Stresssituation

Dabei geht es aber meist nicht mehr primär um eine körperlich existentielle Bedrohung, sondern um Verletzungen des Selbstwertgefühls, Verlust wichtiger Beziehungen, des Arbeitsplatzes und Bedrohung der Integrität.

Zu Stresssitutationen führen auch Herausforderungen, die zur Überforderung werden, beispielsweise die Doppel- Dreifachbelastung durch Beruf und Familie, nicht bewältigbare, weil unrealistische Anforderungen durch das berufliche oder soziale Umfeld. Häufig stressen wir uns aber auch einfach selbst in dem wir  unrealistische und überhöhte Ansprüche an uns und unser Umfeld stellen.

Nicht zu vergessen jene Stresssituationen, die entstehen, wenn wir befürchten müssen für uns selbst wichtige Ziele nicht erreichen zu können. Dazu gehört z.b. ein unerfüllter Kinderwunsch aber auch das Gefühl nicht sein eigenes Leben leben zu können, weil wichtige andere Ansprüche stellen, die damit nicht kompatibel sind.

Generell gibt es folgende Risikofaktoren, die dazu führen können, dass man vermehrt unter Stress steht:

  • Überlastung (zu hohe Anforderungen an sich selbst, vom System, von einzelnen Personen)
  • Diskrepanz zwischen Anforderungen und persönlichen Ressourcen (Bewältigungskapazität)
  • Unzufriedenheit mit den eigenen Leistungen, dem Partner, dem System (mangelnde Wertschätzung, geringe Entlohnung….) in Kombination mit Fremdbestimmtheit
  • Nicht Nein-sagen können
  • Unterschätzung von Zeit und Aufwand
  • Unrealistische (idealistische) Vorstellungen,
  • Perfektionismus

Treffen einige der oben genannten Risikofaktoren auf Sie zu, fühlen Sie sich vorwiegend fremdbestimmt, haben Sie den Eindruck, egal wie sehr sie sich auch anstrengen, sie können die Anforderungen einfach nicht erfüllen und sie sind zunehmend erschöpft und haben keine Zeit für Erholung , dann sollten Sie daran denken, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Sollten bereits körperliche Symptome im Vordergrund stehen, rate ich Ihnen dringend, sich zusätzlich auch in ärztliche Behandlung zu begeben.